Reisebericht 9 / Dezember 2003

 

Seid gegrüsst ihr Lieben in der weiten Ferne

Es ist abermals unglaublich viel mit uns geschehen und unsere Pläne haben sich mehrmals geändert. Doch machen wir mal weiter wo wir das letzte mal aufgehört haben, im fernen Quetta. Nach 4 gemuetlichen Tagen in Quetta im Muslim Hotel (Doppelzimmer für 3.20 CHF) entscheiden wir uns doch nicht die direkte Route nach Lahore zu nehmen.
Wir fahren Richtung Bolanpass. Schon am ersten Tag des Radelnserreichen wir unser Ziel Mach nicht und wollen in einem Strassenresti schlafen. Das scheint auch kein Problem, bis irgendwann in der Nacht ein Typ kommt und uns für verrückt erklärt. Es sei ein Verbrecherloch in dem wir uns aufhielten und absolut nichts für Ausländer (wir sind immerhin noch in Baluchistan, was als gefährlichstes Gebiet Pakistan gilt). Sofort kommt Bewegung in die Runde und wir werden in ein Zimmer verfrachtet. Mit uns unsere Velos. Doch dem Wirt gefällt das nicht und er zügelt uns in ein anderes Zimmer. Das Velo und das Gepäck müssen wir im ersten Raum lassen, da niemand vom Resti englisch spricht und sie eh schon muff drauf sind. So liegen wir alleine, machtlos in unserem Zimmer und können nur hoffen, dass alles gut geht. Draussen hört man die ganze Nacht Männergeschrei, laute Schritte und Geklopfe von allen Richtungen.  Am nächsten Morgen stehen wir auf und alles ist unangerührt (ausser natürlich die Schaltung, die ist verstellt. Ein Hobby der Pakistani, die haben ja alle nur chinesische Eingänger). Wir fahren so schnell wie möglich weiter und nehmen uns vor nicht mehr irgendwo zu schlafen, wie wir das im Iran immer getan haben. Wir fahren über den Bolanpass und kommen in eine neue Welt. Es ist heiss, der Sand hebt sich vom Wind in die Luft, die Berge nehmen Formen und Farben an wie wir es noch nie gesehen haben und die Strasse sucht sich die eigenartigsten Wege durch Berge und über Flüsse. Die Hitze führt uns in ein kleines "Strassencafe", wo uns trotz Ramazan sogleich Cay (speziell für Gabi schreib ich noch Tee) angeboten wird. Wir werden ins Nebenzimmer geführt, wo wir überraschenderweise Produktion von Haschisch verfolgen können. Hier wird soviel Moggen hergestellt, dass man in der Schweiz damit ein Vermögen verdienen könnte.  Beim weiterfahren nimmt die Sonne eine solche Stärke an, dass wir all unsere Haut verdecken müssen. Ich ziehe mir meine Handschuhe an, verdecke das Gesicht mit einem afganischen Tuch, sodass man nichts mehr von mir sieht. So radeln wir bis Sibi, der scheinbar heissesten Stadt von Asien. Am nächsten Tag kommen wir in Jacobabad an, der Stadt wo die Amis ihren Militärflughafen haben um Afghanistan zu bebomben. In dieser Stadt kommt auch die erste Polizei Eskorte: Als wir abends das Hotel verlassen läuft uns immer ein Polizist nach. Wir fragen ihn was das soll, doch reicht seine Bildung leider nicht für ein Wort Englisch. Wir sind etwas verunsichert und fragen uns ob wir wohl etwas falsch gemacht hätten, doch es fällt uns nicht viel ein und so erklären wir ihn als unsere Eskorte aus Sicherheitsgründen. Abends treffen wir noch einen jungen Mann der unbedingt von uns eine Gummipuppe will. Das gibt's hier nicht und die unverheirateten dürfen keinen Kontakt (kein Wort) zu anders Geschlechtlichen ausser der Mutter und der Schwester haben.
Am nächsten Morgen wartet schon ein Polizei Mobile auf uns um uns nach Sukkur zu bringen. Wir fragen sie was das soll und erfahren das es nur zu unserer Sicherheit sei. Wir fühlen uns sicher und bitten sie uns alleine zu lassen, doch kleben sie an uns wie eine Klett' am Kleid. Jedesmal wenn wir Pause machen wollen rufen sie uns zu: "Lets go", so  dass unser gemütliches, ruhiges Reisen völlig zerstört wird. Auch macht es keine Freude wenn man immer hinter sich ein Motorengeräusch hört. Ihren Aufforderungen in das Mobile einzusteigen geben wir nicht nach, diese Freude wollen wir ihnen nicht machen. Auch machen wir Pause wenn wir wollen, länger als sie wollen und wollen dann weiter wenn sie nicht wollen. Abends kommen wir in Sukkur an und haben echt keine Lust der Polizei unsere Pläne anzuvertrauen. Am nächsten Tag wecken sie uns um 9.00, um nach unseren Plänen zu fragen, aber wir wollen pausieren und sind verärgert über die Nachtruhestörung. Wenn wir später das Hotel verlassen wollen muss der Hotelier der Polizei anrufen und wir sollten warten. Das machen wir nicht immer da es uns einfach zu blöd ist. Nach 3 Tagen Pause fahren wir weiter, natürlich mit Begleitung und geben nach 60 km der Aufforderung nach in ihr Mobile zu steigen, denn wir haben neue Pläne: Wenn schon Polizeibegleitung, dann sollen die uns auch durchs Land chauffieren.
Wir wollen statt direkt nach Lahore nun ins nördliche Peshawar. Es wäre ja schade direkt, ohne Freude, dieses spezielle, fremde Land zu verlassen. So fahren wir in den nächsten Tagen meistens 50 km Velo und 150 km verbringen wir hinten in den Mobiles. Alle 30km gibt es ein neues, da jeder Bezirk seine eigene Polizei hat. Die Zeit mit den Polizisten wird teilweise sehr interessant, da wir einerseits eine ganz neue Berufsgruppe kennen lernen und andererseits sind es erst noch Pakistani. Ein pakistanischer Polizist lebt in der Polizeikaserne, arbeitet (sitzt im Auto) für 20 Stunden am Tag und darf alle 7-10 Tage für einen Tag zu seiner Familie nach Hause. Er verdient 5000 Rupie, was 125 CHF entspricht im Monat! Das wird aber durch den Zustupf der überall gegenwärtigen Korruption etwas ausgeglichen. Wie sonst kann man eine
Familie mit durchschnittlich 10-15 Kindern ernähren. Der offizielle Durchschnitt liegt zwar bei 2,8 Kindern pro Familie, aber die Menschen die wir getroffen haben, hatten alle mindestens 6. einmal trafen wir jemanden, der seit einem Jahr  verheiratet war und noch immer kinderlos, das wird dann sofort als Potenzproblem angeschaut! Nun denn, innert vier Tagen hatten wir die 800 Kilometer Strasse nach Peshawar hinten auf den Pick-Ups der Polizei hinter uns gebracht, und konnten uns erstmals seit langem wieder eine Stadt in Ruhe anschauen. Das genossen wir so, dass wir gleich 4 Tage dort blieben. Diese Stadt hat eine lange Geschichte als erste Station aller Handelskarawanen aus China und Afghanistan auf dem Weg ins Ferne Kalkutta. So hiess die Strasse in der wir wohnten auch Quissa Khawani, die Strasse der Geschichtenerzähler. Obwohl es kaum mehr Kamele zu sehen gibt, ist der Basar in der Altstadt immer noch ein Ort voller Leben, in dem der Handel wie eh und je floriert. Wir besuchten auch den Schmugglerbasar, wohin alle importierten Waren, wie Waschmaschinen und Fernseher, chinesische Feuerzeuge und Sonnenbrillen, aber auch Waffen und Haschisch aus Afghanistan durch die Stammesgebiete an der Grenze geschleust werden. Dieser liegt inmitten der Flüchtlingslager und ist somit nicht gerade der sicherste ort der Welt. Viele empfahlen uns zu verduften, was wir, nicht ohne ein paar Souvenirs mitzunehmen, dann auch taten. Wir fuhren nun in Richtung des Swat Valley, der Schweiz des Ostens, wie sie öfters genannt wurde. Innert 3 Tagen erreichten wir dessen Hauptstadt, Mingora, wo wir eigentlich eingeladen waren. Der Junge aber den wir in Peshawar kennen lernten, konnte nicht heimkommen, entgegen dem was er uns gesagt hatte. So schliefen wir die zweite Nacht im Hotel, nachdem wir erst bei Nachbarn einquartiert wurden, was uns etwas unangenehm war. Dann ging es los in die Berge. Eine wirklich wunderschöne Landschaft, die mit ihren an steile Hänge gebauten Dörfchen wirklich etwas an Tessiner Bergtäler erinnerte. Allerdings nicht so tannig wie das Engadin. Wir blieben in einem wegen Stromausfall geschlossenen, eigentlich teuren Hotel für den dritten teil des eigentlichen Preises, mit einer Gaslaterne im besten Zimmer mit atemberaubendem Ausblick. Die Leute waren hier, wie wir schon gewarnt worden waren, wirklich nicht besonders gebildet. aber im Gegensatz zum parallel gelegenen Industal war es hier noch angenehm zu reisen. Wir rollten das Tal wieder hinunter in Richtung des Shangla-Passes, am Fusse dessen wir nochmals Übernachten wollten. Allein, es war kein Gasthof mehr geöffnet. Nach langem Hin und Her, wurden wir von einem Jungen Mann eingeladen, die Nacht mit seiner Familie zu verbringen. Dort hatten wir ein sehr interessantes Gespräch, mit der religiösesten Person des Dorfes, den wir über den Jihad und die Rechte der Frau befragten. es kam darauf hinaus, dass er uns eine sehr idealistische Weltsicht des Islam unterbreitete, und versuchte uns zu bekehren. Obwohl dies eine sehr friedliche Religion ist, steht es überhaupt nicht zum besten in der islamischen Welt. Er hatte uns auch über "unsere" Religion, das Christentum, befragt, worauf wir nach bestem Wissen und Gewissen antworteten, auch wenn unsere Religiösitaet zu wünschen übrig lässt. Ich hätte mir gewünscht, etwas mehr darüber zu Wissen. Auf jeden Fall, ist der Islam und das Christentum sehr eng verwandt, nur dass die Christen nicht so sehr den Regeln folgen. Hier betet z.B. fast jeder und jede fünfmal täglich in der Moschee, geschlechtlich getrennt, versteht sich. Der Pass war landschaftlich wunderbar, doch die Strasse liess zu wünschen übrig: wo sie nicht von Schlaglöchern übersät war, da war überhaupt kein Asphalt mehr zu sehen. Auch häuften sich die Kinder die uns Steine nachwarfen, wenn wir ihnen keine Rupien gaben. Aber getroffen hat keiner. In Besham im Industal haben wir übernachtet. Am nächsten Tag war Eid, das Ende des Ramadan, einer der höchsten Feiertage des Jahres. "today we are all very happy" erklärt uns der Hotel-boy. Auf der Talfahrt sahen wir in jedem Dorf ungewöhnlich grosse Gruppen von Kindern zusammen, die jedes Mal ausflippten, wenn wir vorbei rollten, viele waren friedlich, aber es war selten, dass uns nicht noch ein Stein nachgeworfen wurde. Einmal aber waren etwa 50 Jungs beieinander. Ich fuhr ca 50m hinter Gregor, der es hinter einem Auto durch geschafft hatte. Da nun alle Zeit gehabt hatten, einen Stein aufzulesen, wurde ich regelrecht gesteinigt, als ich versuchte durch diese Meute durchzukommen. Da ich den Helm getragen hatte, blieb ich am Kopf unverletzt, aber ich bekam einige scharf geschossene Steine ab. Blaue Flecke an Schulter, Ellbogen und Rücken waren die Folge.  Üble Sache! Aber was will man machen? Stehen bleiben ist auf jeden Fall nicht ratsam, also machte ich dass ich wegkam.  Ich denke mir, dass der Grund für solche Gewaltausbrüche hauptsächlich in der Erziehung liegen müssen. 10 und mehr Kinder bekommen automatisch zu wenig Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Mir blieb die ganze zeit ein Lied von den Ärzten im Kopf: "Schrei nach Liebe", in dem von mangelnder Bildung und zuwenig Zuneigung als Auslöser für Gewalt die Rede ist.
Auf jeden Fall nahmen wir vom nächsten Dorf den Bus nach Rawalpindi, wo wir jetzt immer noch sind. In Islamabad, der Hauptstadt wollten wir uns das indische Visum holen, da unseres schon beinahe ausgelaufen ist. Zum Glueck machten sie das innerhalb von nur einem Tag. Wir sollten warten bis 16uhr und da die Schweizer Botschaft nahe ist, wollten wir versuchen dort noch ein Besüchlein abzustatten. Überraschenderweise wurden wir vom Herrn Botschafter persönlich herzlich empfangen. er bot er uns einen Tee an, und als er hörte in was für einem Hotel wir übernachten, lud er uns noch auf eine heisse Dusche in "die Residenz" herüber. Was ein freundlicher Empfang vom Monsieur le Ambassadeur de la Suisse, Christian Dunant. Er liess uns auch in die Schweiz telefonieren, und bot uns ein Bier an! Das erste Bier seit 2 Monaten!!! Das war wirklich ein erfreulicher Nachmittag. Denn unerwarteterweise bekamen wir auch die Pässe gleich wieder zurück, mitsamt den neuen Indienvisa. Überdies trafen wir noch alte iranische Bekannte aus Neuseeland, die uns das Best Western Hotel als weitere Alkoholquelle empfahlen, wo wir dann auch noch vorbeischauten, und erfolgreich einkauften. Gestern Abend verbrachten wir uns selbst realkoholisierend im Hotelzimmer in Pindi.
So das wär's fürs erste, wir melden uns wieder aus Indien,
Inshallah.

mit den liebsten Grüssen
 
Gregor und Beda

P.S. Was heisst eigentlich merry, von merry christmas auf deutsch?
Warum
wurde Mohammed nicht als weiterer Prophet des Christentum angesehen?
Wieso sind
die westlichen Regierungen so doof Krieg in islamischen Gebieten zu
führen
und damit die Welt immer mehr in Hass, und Krieg zwischen Religionen
zu führen?
Bio: Sind Gurken und Kürbisse verwandt miteinander?
 

 

 
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