Reisebericht 11 24. Januar 2004

 
Hallo Miteinander

Seit unserem Letzten Mail aus Delhi haben wir unsere Pläne abrupt
geändert, weil uns das ganze Touristen-Tamtam schon anfing, zum Hals
herauszuhängen. Wir wollten ursprünglich ja durch alle Touristenorte
Nordindiens (Agra, Varanasi...)fahren und dann direkt nach Norden
Richtung Katmandu stechen. Aber wir trafen einen Motorradfahrer, der
vom Mahendra Highway in Nepal nicht anders konnte als schwärmen. Diese
Strasse, die kaum den Namen Highway verdient, verläuft durchs ganze
Flachland Nepals von West nach Ost. Wir hatten uns das auch schon
vorher überlegt und so stand unser Entschluss fest, die Touristenroute
und auch den Hauptverkehr hinter uns zu lassen und auf kleineren
Strassen so schnell wie möglich nach Nepal zu "flüchten".
Einmal aus Delhi weg, wurde die Landschaft und die Menschen wieder
natürlicher. Bauern hatten wieder mehr Bevölkerungsanteil als
professionelle Touristenverarscher. So konnten wir wieder anfangen das
Reisen zu geniessen, weil hier die Menschen nicht so von unerfahrenen
Touristen, denen das Geld locker in der Tasche sitzt, verdorben sind.
Sylvester feierten wir in Bareilly. Wir wollten dort an eine Party
gehen, was sich aber als schwerer als erwartet herausstellte. Erst
wollten wir ins Studentenwohnhaus um dort mitzufeiern, wurden aber
nicht eingelassen. Als wir noch mit dem Portier am Diskutieren waren,
kam ein Auto aus dem Universitätsgelände, in dem 3 junge Männer
sassen, von denen sich einer als Leiter der Uni vorstellte. Wir
brachten unser Anliegen vor, er sagte, wir sollten einsteigen, er
würde uns an eine Party bringen. Stattdessen brachte er uns erst in
einen düsteren Hinterhof, wo sein grosser Bruder wohnte. Es stellte
sich heraus dass die beiden Söhne des Buergermeisters von Bareilly
seien und der ältere bald als Collegeleiter gewählt werden würde.
Dann zeigte dieser uns seinen Revolver, und sagte in schlechtem
Englisch, dass er sich schützen müsse. Wir fuhren weiter, kamen aber
nicht wirklich zu einer Party, nur vor ein Lokal der  Upperclass. Wir
trafen noch weitere Mitglieder der hiesigen Mafia. Alle mit edlen
Anzügen und Pistolen im Gürtel. Einen kannten wir schon von vorher.
Er sass in der Lobby des Hotels, in dem wir abgestiegen sind! Das Hotel
musste auch irgendwie in diese Fäden verwickelt sein. jedenfalls war
diese Party nicht für uns gedacht. Es sei nur für Paare und mit
Voranmeldung, wurde uns gesagt, obwohl wir gerade zugesehen hatten, wie
12 dieser Jungs ohne Ticket und ohne Frauen einmarschiert waren.
Dann stiessen wir Halt mit Bier auf der Strasse an und Genehmigten uns
noch ein Omelett mit den Rikscha- und Busfahrern... ein
erlebnisreiches Fest für uns.
Dann Pedalten wir in 2 Tagen nach Nepal das uns trotz der Abgelaufenen
Visa einen schönen Empfang bereitete.
Nachdem wir uns an der Grenze ein neues Visa besorgt hatten fuhren wir
in den sympathischsten Grenzort unserer Reise: Mahendranagar. Das Hotel
war halb so teuer wie die indischen Unterkünfte und die Besitzer waren
freundlich und hilfreich. Als wir fragten wie die Hotel Situation so
aussehen würde, wurde ein Lastwagenfahrer gerufen, der mit uns eine
sehr hilfreiche Route erarbeitete.
Nach einem Tag Pause fuhren wir weiter und alles war perfekt: Der
Mahendra Highway ist eine ausgezeichnete Strasse, zwar eher wie eine
kleine Landstrasse.  Verkehr ist nicht vorhanden (all halbe Stunde ein
Bus), der Nebel, der uns durch ganz Indien begleitet hatte löst sich
auf und am Horizont sieht man das mächtige Himalayagebirge. Nicht zu
vergessen die fast hysterischen Kinder, die jedes Mal wenn sie einem
sehen angerannt kommen und lauthals "bye, bye" schreien. Ich habe keine
Ahnung wie die Kinder in ganz Nepal zu diesen Worten kommen, denn
meistens sind sie noch zu klein um in die Schule zu gehen. Bei
Dämmerung kommen wir zu einer Lodge, die voll ist. In der Not fällt
den Inhabern ein, dass auf dem Nachbarhaus ein Schuppen auf dem Dach
gebaut wurde. Sie wischen den Raum, legen Decken rein und installieren
noch ein Schloss. Für diesen gemütlichen Raum bezahlen wir den
Unpreis von 60 Nepali Rupies (1.20 CHF).
Es ist sehr gemütlich am Abend auf dem Dach zu sitzen und richtiges
Bier zu schlürfen. Wenn man keine Dachterrasse hat ist die Situation
nicht so gediegen. Der korrupte Koenig kämpft seit Jahren gegen die
Maoisten. Dieser Konflikt wird zwischen den armen, ungebildeten
Maoisten und den armen, perspektivenlosen Soldaten und Polizisten
ausgetragen. Doch die Hauptleidenden sind die Bewohner von Nepal. Seit
dem Beginn des Konflikts ist die Produktion komplett zusammengebrochen.
Auch ist es für westliche Firmen nicht einfach in Nepal etwas
aufzubauen, da man ohne Ende Bakshish (Bestechung) bezahlen muss. Das
andere Problem ist, dass ab 7 oder 8 Uhr Abends Ausgangssperre
herrscht. Wenn man danach ist Spital muss ist die Situation sehr
unangenehm bis unmöglich! Die Soldaten haben die Freiheit in der Nacht
auf alles zu schiessen was sich bewegt und wenn sie Unschuldige metzeln
wird die Schuld den Maoisten in die Schuhe geschoben. Die eigentliche
Gefahr für Normalsterbliche sind die Soldaten, die Menschen auch nur
bei Verdacht auf maoistische Angehörigkeit umbringen. Da kommt einer
mit guten Kontakten zum Militär und sagt sein Nachbar sei ein
Maoist, weil sie Probleme mit dem Land haben und am nächsten Tag ist er
Tot.
Doch die Maoisten sind nicht besser. Sie helfen zwar dem Volk mehr als
die Regierung, doch nur wenige Kämpfer wissen für was sie kämpfen.
Sie wissen gegen was sie kämpfen, doch wer ist Mao? Also schlachten
sie Polizisten und Militärs und helfen niemandem!
Das ist die traurige Seite am friedlichsten, schönsten und ruhigsten
Land unserer Reise.
Eines muss ich aber noch anfügen: Die intelligenten Regierungen von
den USA, England, Israel und Belgien (sicher noch mehr) stürzen Nepal
noch weiter ins Elend indem sie dem reichen, unwissenden Koenig die
modernsten Waffen und viel Geld schieben, ohne zu sehen für was es
benutzt wird. Alle Entwicklungshilfegelder fliessen in die Taschen der
gierigen Regierenden, die sich damit fette Wagen aus Europa und Japan
Importieren, während 90 Prozent der Bevölkerung so arm sind, dass sie
von ihrem mageren Ackerland leben müssen. Wer Geld verdienen will, der
muss zum Militär oder nach Indien gehen.
Auch Bildung ist ein Privileg in diesem Land. Auch an der Staatschule
kostet ein Jahr mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn und die
Meisten Familien haben bei weitem keinen durchschnittlichen Monatslohn
von 3000 Rupien (60 Franken). Das schlimme ist, dass die Kinder aus
reichem Haus ihre Privilegien nicht zu schätzen Wissen und statt teure
Nachhilfestunden zu besuchen lieber im Park eins Rauchen... Das war uns
noch nicht so Bewusst als wir selbst noch zur Schule gingen.
Genug Politik, doch sie ist halt sehr präsent hier.
Nach weiteren 2 Tagen gelangen wir zum Eingang des Bardia Nationalpark,
den wir eigentlich nicht besuchen wollten. Wir werden von Guides
umringt und wir entscheiden uns das mal anzuschauen. Aus anschauen
werden 12 wunderbare Tage in einem kleinen Dorf. Wir leben in einem
Camp, das mehr eine Familie ist denn ein Hotel. Jeden Abend sitzen wir
am Feuer oder in der Küche und diskutieren mit Mr B. und seiner Frau
Kali. Wir erfahren extrem viel über Nepal und die Natur. 3 mal gehen
wir in den Dschungel. Einmal sitzen wir alle auf einem Baum in mitten
des Busches, essen Reis und beobachten das Nashorn.
In diesem Camp lernen wir auch nepalesisch zu essen. Dal bhat isst man
mit der Hand in dem man den Reis mit der Linsengrütze mischt und
Gemüse (Blumenkohl und Kartoffeln) drunter mischt. Das ganze wird in
der Hand zu einem Klumpen gedrückt und ins Maul gespickt. Am Anfang
ist das noch anspruchsvoll, doch die Tage machen einem zum Profi.
In weiteren 4 Tagen fahren wir bis Butwal, wo das Geld ausgeht.
Dummerweise haben wir wieder mal die Wochentage verloren und so ist
Wochenende. Also warten wir hier und schreiben, während es draussen
gewittert und stürmt.
Morgen geht es endlich in den Himalaja hoffentlich mit gutem Wetter,
dann könnten wir morgen Abend den Everest sehen.

Es grüssen euch alle Beda und Gregor

Fragen gibt's auch wieder:
-Kann man sich irgendwelche Verletzungen (Verbrennungen oder
Verätzungen) durch zu scharfes Essen zuziehen?
-Kennt sich jemand mit der Kabbala aus? Wer war Abraham Abulafia?
-Wie ist die allgemeine Lage Zuhause? Wir sind Froh über jede
Subjektive Meinung zur Gesellschaft, Politik und ganz allgemein was geht?
 
 
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