Reisebericht 10/  26.Dezember 2003

 

Namaste, namaste
Heute ist der dritte Weihnachtstag, doch davon merkt man hier in Delhi nicht besonders viel, ausser dass alle Händler und Fahrer einem merry Christmas wünschen um noch mehr Geld von uns abzuknöpfen.
Doch mache ich jetzt mal weiter in Pindi, von wo wir vor einem Monat das letzte Mail geschrieben haben: Innert 4 Tagen fahren wir auf der GT-Road von Pindi nach Lahore. Diese Strasse ist die Alternative zum Motorway (6 Spurig in beide Richtungen), doch ist das Verkehrsaufkommen auch nicht zu verachten. Es bewegen sich hier trotz Fernverkehr Eselwagen, Rikschas, Rinderwagen, Pferdewagen, Kamelwagen, Busse, in allen Farben bemalte Kunstwerke genannt Lastwagen, flache Hunde (aeh, die bewegen sich ja nicht mehr), Velos und natürlich Autos in unglaublichen Mengen. Diese Strasse setzt uns zu. Vor allem nach dem wir an einem Abend in Lalamusa eine pakistanische Massage (natürlich von einem Mann) abkriegen, bei der uns alles was möglich ist geknackst wird. Am nächsten Tag koennen wir uns kaum bewegen und schwören uns, der pakistanischen Masssage für unsere zukünftige Lebenszeit zu entsagen.
Wir kämpfen uns trotzdem noch nach Lahore und kommen dort in das beste Hotel unserer Reise: Das Rawalpindi Populair Inn. Dieses Guesthouse hat schöne Zimmer, saubere Bettwäsche (!!) und ein Management, so freundlich wie nie zuvor. Jeden Abend sitzen wir mit Tanweer und Hassan in unserem Zimmer und geniessen die pakistanischen Spezialitäten. Es ist nur schon ein Vergnügen diesen beiden Herren zu zuhören, wie sie mit ihrem pakistanischen Akzent Englisch sprechen, oder sich auf Pundschabi gegenseitig lächerlich machen.  Zwei mal kochen wir ihnen Spaghetti. Diese Köstlichkeit durften sie bis anhin noch nie geniessen und mit der Gabel essen die Pakistani eh nie. Tanweer ist nicht dazu zu bewegen die Gabel in die Hand zu nehmen und isst mit dem Löffel, doch Hassan isst wie ein kleines Kind mit der Gabel, das eben lernt die Gabel in der Hand zu drehen. Das ist noch schwierig, so wie es für uns am Anfang auch schwierig war ohne Besteck zu essen. Man muss das Roti oder Cabatti (Fladenbrot) auf spezielle Art falten, so dass man wie einen kleinen Löffel hat und so den Daal oder die Sabzee aufschaufeln und sich das ganze Vergnügen ins Maul stecken kann. Das alles nur mit der rechten Hand, da die Linke schmutzig ist (hier gibt es kein WC-Papier, dafür die linke Hand!).
Wir bleiben 9 Tage in Lahore, weil uns diese Stadt sehr gefällt.

Einerseits hat sie noch den pakistanischen, muslimischen Flair und andererseits ist es eine weltoffene Grossstadt, wo man alles findet und auch unverschleierte Frauen sieht. Hier sieht man die ganze Spanne von Pakistan. Wir laufen, oder besser Verlaufen uns stundenlang in der Altstadt und betrachten mit Vergnügen und mit Schock die Metzgereien: Ein starkes, kräftiges Frühstück ist Geissenkopf! Dieser wird aufgeschnitten, so dass man das Hirn auslöffeln kann und halt sonst so was man mag. In der Altstadt sieht man dann Shops wo 10-15 Köpfe auf dem Tisch liegen und präpariert werden. An der Decke hängen aufgespiesste, gefiederte Hähnchen, die ich niemandem mehr empfehlen würde. Doch es gibt nicht nur solche Dinge in der Altstadt.  Ansonsten gehen wir an ein Polospiel, ich lerne Cricketspielen und die Sehenswürdigkeiten darf man sich auch nicht entgehen lassen. Eine ganz spezielle Sache ist die Fahneneinholung an der Grenze zu Indien. Jeden Abend wird mit riesigem Tam-Tam von den wunderschönen Soldaten (geschmückt wie Christbäume) die Grenze geschlossen und die Fahne eingeholt. Das ist so seit der Gründung von Pakistan und die Inder und Pakistani steigern sich in immer absurdere Märsche und Geschrei um ja besser zu wirken als der Feind. Auf beiden Seiten der Grenze hat es grosse Menschenmengen, die ihrem Land mit Schlachtgesängen die Ehre erweisen. Ich kam mir vor wie an einem FCB- Match. Es war sehr belustigend, auch wenn ich einen solchen Nationalstolz nicht ganz verstehen kann. Als wir das zweite Mal bei der Grenze sind, wollen wir diese auch überqueren. Das dauert alles in allem etwa eine Stunde, da erst noch Gregors Fussball auf Sprengstoff untersucht werden muss indem man ihn einige Male auf den Boden Prellt, und weil die indischen Grenzbeamten nicht gerade von Eile geplagt sind. Nach Vollendung der Formalitäten treffen wir noch zwei genervte Bündner, die ihre Motorräder hier seit Wochen stehen lassen mussten. Wir trafen sie in Delhi wieder nachdem sie es aufgegeben hatten. Nun sind sie mit einer eigenen Autorikscha auf dem Weg nach Süden. Wir rollten erstmal nach Amritsar, wo wir uns den Golden Tempel ansehen wollten. Dieser heilige Ort der Sikhs ist sehr schön in der Mitte eines Teichs gelegen. Das Problem ist nur, dass man ihn nur ohne Schuhe betreten darf, in unserem Fall konnten wir ihn auch ohne Schuhe wieder Verlassen. Als wir mit dem Jeton wider bei der Schuhaufbewahrungsstelle waren, war unser Fach leer. Da scheint sich irgend so ein Inder die ausländischsten Schuhe ausgesucht zu haben. Ich habe Glück in der Kiste mit den vergessenen Schuhen findet sich ein passendes Paar für mich. Für Gregors Ruderbootgrosse Füsse ist aber nichts dabei ausser Flipflops. Wir sind uns noch am beklagen als schon ein Sikh kommt, sagt er sei aus einer reichen Familie und er wollte uns neue Schuhe kaufen. Um 23 Uhr sind aber keine Schuhläden mehr geöffnet und so lädt sich unser neuer Freund in unser Hotelzimmer ein. Als wäre das mit den Schuhen nicht schon Ironie genug für den ersten Tag in Indien, stellt sich dieser Robin Singh auch noch als schamloser Lügner und Betrüger heraus. Unsere Gutgläubigkeit wurde völlig ausgenützt... Am nächsten Morgen wollte er wiederkommen und mit uns einkaufen gehen. Er hat sich aber in unserem Zimmer nach Lust und Laune bedient und verschwand in der Nacht mit meinem Handy und Portemonnaie auf Nimmerwiedersehen.
Soviel um ersten Eindruck von Indien. Dieses Land  hat sich uns nicht nur als Land der Betrüger, sondern auch des Durchfalls und der Krankheit gezeigt. Wir kamen nicht weit, bis mein Durchfall so schwächend war, dass ich einen Tag Pause Brauchte. In diesem Tag war es an Gregor, richtig krank zu werden. Fieber, Kotzen und natürlich Durchfall, genug für einen Verdacht auf Malaria. Glücklicherweise aber nur ein Virus mit drei Buchstaben, der innert drei Tagen mit Hammermedikamenten in die Flucht geschlagen werden konnte. Dann ging’s nach Delhi. In dieser dreckigen Stadt staken wir mit Ochsenkarren, Schubkarrenschiebern und Geländewagen so im Stau, dass wir für ca einen Kilometer mehr als eine Stunde brauchten. Dann, in der Touristenhotelstrasse angekommen, wurden wir natürlich von allen Seiten angeschwatzt ob wir Hilfe brauchten oder Schlafsäcke oder Drogen oder Handycrafts from kashmir.  Es kostet Nerven, aber man darf sich nicht aufregen, und sich nicht in den Sack stecken lassen.
Hier haben wir auch Weihnachten gefeiert. In gewissen Restaurants kann man sogar Lasagne kriegen, so konnten wir unseren Heiligabend mit einer Delikatesse gebührend Feiern und uns anschliessend mit einem Deutschen Motorradfahrer mit gebrochenem Fuss einen zur Brust heben.
Wir wünschen euch allen eine schöne Ferienzeit und beneiden euch ein Bisschen um die Möglichkeit Boarden zu gehen. Geniesst es!
Ein gutes Neues wünschen wir natürlich auch.
 
Viele liebe Grüsse nach Hause

Gregor und Beda

 

 
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