Reisebericht 8/  5. August 2004 Teil 2

 

KRIM

Krimtataren heute...

Wir kehren dorthin zur?ck, wo unsere jetzige Reise ihren geistigen Anfang nahm. Auf einer Velotour vor zwei Jahren auf dieser Halbinsel wurden wir n?mlich von einer krimtatarischen Familie herzlich aufgenommen. Sie  erz?hlten uns damals von ihrer fr?heren Heimat Samarkand so spannend und eindringlich, dass wir den Gedanken mit Fahrrad dorthin aufzubrechen nicht mehr los wurden. Wieder wird wie beim ersten Besuch w?hrend des ganzen Nachmittags Essen aufgetischt, die Flasche Wein getrunken, die wir mitgebracht haben und dem Wodka zugesprochen. Ihre Geschichte ist uns noch klar in Erinnerung. Ihre Eltern teilten das Schicksal aller Krimtataren und wurden in den 40er Jahren unter Stalin deportiert. Viele fanden ihre neue Heimat in Zentralasien, wie z.B. unsere Familie, welche in Samarkand lebte. Nach der Wende 1991 haben unsere Gastgeber - Zia und Zarema - beschlossen in die Heimat ihrer Eltern zur?ckzukehren. Urspr?nglich sind beide studierte Musiker, leben nun zusammen mit ihren drei Kindern von Gurken, Tomaten, Dill und einem kleinen Verkaufsladen. Ihre wenigen Ersparnisse setzen sie f?r die Bildung ihrer Kinder und zum Aufbau eines gr?sseren Lebensmittelladens ein, den sie in den vergangenen zwei Jahren bauten. Alles Handarbeit. Genauso wie ihr Haus auch, das vom ersten Stein, bis zum einfachen Heizsystem in Eigenarbeit erstellt wurde.

...und fr?her

Im Krimgebirge erleben wir die Zeugnisse der glorreichen Vergangenheit der Tataren. Zu Fuss gehen wir vom sch?n restaurierten Khanspalast in Bachtschisaraj zum weiter oben gelegenen Felsenkloster und folgen dem von Kleinh?ndlern ges?umten Pfad zur heute verlassenen Felsenstadt Tschufut-Kale. Die H?ndlerinnen und H?ndler bieten allerlei Holzschnitzereien, Getr?nke und Duftstoffe feil. Pl?tzlich ert?nt der Ruf "maschina!" (Auto). In Blitzesschnelle stopfen die Verk?uferinnen und Verk?ufer ihre Waren in die Taschen und springen in die B?sche. Offensichtlich ist der ganze Handel hier illegal.

Vom Felsplateau, auf dem im 2. und 3. Jahrhundert die Stadt Tschufut-Kale gegr?ndet wurde, haben wir eine wunderbare Aussicht ?ber die Hochplateaus. Die Bewohner haben diese Stadt an dieser unzug?nglichen Stelle errichtet, um von den vielen ?berf?llen besser gesch?tzt zu sein. Wie so viele Inseln von strategischer Bedeutung hat auch die Krim viele Invasoren gekannt: R?mer, T?rken, Genuesen, Tataren und nat?rlich auch 'die Wehrmacht'. Sevastapol, eine im 2. Weltkrieg schwerumk?mpfte und schlussendlich v?llig zerst?rte Hafenstadt, hat deshalb leider auch Ber?hmtheit bis weit ?ber die Landesgrenzen erreicht. Es wird gesagt, dass Churchill diese Stadt nach dem Gipfeltreffen in Jalta in Schutt und Asche  liegen sah und sagte, dass zum Wiederaufbau 50 Jahre ben?tigt werden. Stalin antwortete daraufhin, dass dies auch in 5 Jahren m?glich sei, was er auch in die Tat umsetzte. So will es jedenfalls die Legende.

Unsere n?chste Etappe von Bachtschisaraj w?re Jalta gewesen.  Auf unserer Fahrt durch die Berge machen wir einen kleinen Zwischenhalt in einem ethnographischen Museum. Wir wurden so ?berzeugend in diesem als Tschaichane (tatarisches Teehaus) gef?hrtem Ort mit Tschebureki und Tee bewirtet, das wir gleich einen semikulturellen Ruhetag mit Baden im Bergbach des 'bolschoj canjons' einschalteten und dort ?bernachteten. Alles in allem ein wunderbare Einstimmung f?r sp?tere Etappen in Kasachstan und Usbekistan.

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Russendisco

Wie recht wir doch hatten, noch eine Weile in den Bergen zu verweilen. Die n?chsten Tage, entlang der S?dk?ste, hatten wir t?glich 'Chilbi'. Vor zwei Jahren sind wir im Fr?hsommer an dieser K?ste entlang gefahren, welche damals menschenleer war. Jetzt dr?ngen sich Urlauber wie Sardinen am Strand. Ganze Zeltst?dte werden errichtet von den Erholgungssuchenden aus Russland, Weissrussland und Polen. Sanit?re Anlagen fehlen fast ganz. Nachts gibt es Karaoke und Freiluftdisco bis in die fr?hen Morgenstunden. Wir meiden daher diese Ortschaften und zelten nach M?glichkeit irgendwo an der K?stenstrasse, damit wir zu Schlaf kommen. 

In Kertsch, von wo die F?hre nach Russland ?bersetzt, ist der ganze Trubel pl?tzlich zu Ende. Nach einer ?berraschend ruhigen Hunderkilometerstrecke ist die Ankunft in dieser Hafenstadt deshalb eine Wohltat. Zudem kommen wir auf Zhenas Boot in den Genuss von Abendsegeln auf dem Schwarzen Meer. Zhena war zu Sowjet-Zeiten professioneller Segler. Gerne erl?utert er uns das russische Seemannsvokabular, das ?brigens viele holl?ndische Ausdr?cke enth?lt, und erz?hlt uns so manches von der Geschichte dieses Ortes.  Der ?rtliche Jachtklub sei von einer Fabrik gegr?ndet worden und jeder Arbeiter h?tte mit einer kleinen Jacht in See stechen k?nnen. Heute sei dieser Sport, wie fast ?berall, einer wohlhabenderen Schicht vorbehalten. Auf die Frage, ob er denn meine, dass es fr?her besser war, meinte er, dass jede Zeit ihre Vor- und Nachteile habe. Fr?her seien die Unterschiede zwischen arm und reich nicht so gross gewesen, daf?r k?nne man heute reisen und seinen Aufenthaltsort frei w?hlen. Das Schlimmste sei es aber, in Zeiten des Umbruchs leben zu m?ssen. Da mag er recht haben. 

Kilometerstand: 4052

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