Reisebericht 7/  5. August 2004 Teil 1

 

Ukraine

MEDKONTROL

Der Kontrollposten an der moldawisch-ukrainischen Grenze sieht ziemlich verwaist aus. Nichts rührt sich in der Mittagshitze. Die Zöllner schlafen im Schatten, die Hunde tun es ihnen gleich. Auf der ukrainischen Seite geht dank eines wohlwollenden, sehr zuvorkommenden Zöllners alles unerwartet einfach. Meinen wir jedenfalls. Als wir schon im Begriff sind, das Gelände zu verlassen, ruft es aus dem Schatten des letzten Containers: "Medkontrol!". Ein massiger, offensichtlicher schlecht gelaunter Beamter erzählt was von Gesundheitsversicherung und ich (Bettina) muss sofort an eine Zugfahrt Kiev-Minsk denken, wo mir die Weissrussen eine Krankenversicherung für einen Dollar pro Tag verkaufen wollten. Bei dreissig Tagen wird das teuer. Wir halten ihm dann unsere Schweizer Krankenkassenkärtchen unter die Nase, aber das englische "worldwide" scheint er nicht zu verstehen. Zudem irritiert ihn, dass unsere Kärtchen, da von verschiedenen Krankenkassen, nicht gleich aussehen. Ab er unter gutem Zureden des freundlichen Zöllners, der uns abgefertigt hat, lässt er uns dann laufen. Die Schikanen an den Grenzen sind erstaunlich. Kein Wunder fragen uns die Ukrainer oft, wie wir die Grenze passiert haben. Nur zu sehr sind sie mit den langen Wartezeiten und dem Papierkram vertraut.

KORNKAMMER

Gleich nach der Grenze beginnt die Landschaft, die uns nun eine Weile begleiten wird: riesige Felder, meistens Weizen, aber auch Roggen, Mais, Hafer, ziehen sich hin, umgeben von Streifen aus Büschen und Bäumen (die unsere bevorzugten Campingplätze werden). Kein Wunder nennt man die Ukraine die Kornkammer Russlands. Später fahren wir an riesigen Kornspeicher vorbei, die zum Teil nicht mehr in Betrieb sind. Diese Ungetüme sieht man schon kilometerweit. Sie künden jeweils eine grössere Ortschaft an. Riesige Erntemaschinen sind notwendig, um die Felder zu bearbeiten. Kolchosen, also kollektiv bewirtschaftete Landwirtschaftsbetriebe, würde es im ursprünglichen Sinne keine mehr geben, sagt man uns. Wenn es keine staatlichen Betreibe sind, so seien es Aktiengesellschaften, an denen die Angestellten Anteilscheine halten. Was für ein Unterschied zu Rumänien, wo noch sehr viel Handarbeit auf den Feldern geleistet wird. Pferdefuhrwerke und Leute, die mit der Sense das Grass mähen oder mit dem Pferd den Acker pflügen, sieht man hier kaum. Die Neuorganisation der Landwirtschaft war in der Sowjetunion offensichtlich radikaler und effizienter. Familienbetriebe sind bei den Dimensionen dieser Felder allerdings kaum denkbar.

ODESSA - WIEDER AM SCHWARZEN MEER

In Odessa machen wir ein paar Tage Halt, um zu waschen, zu flicken, die Kette an den Fahrrädern zu wechseln, Musik zu hören, neuen Lesestoff zu kaufen, aber auch um Zeit zu haben, diese schöne Stadt anzuschauen. Wir steigen in einem Jugendstilhotel ab, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Doch die Atmosphäre stimmt: Hohe Räume (und damit keine Chance, die lästigen Mücken zu erschlagen), grosszügige Treppenaufgänge und auf jedem Stock mehrere Dezhurnajas (Etagenfrauen), die zum Rechten schauen (und auch unsere Wäsche für wenig Geld waschen). An die zum Teil sehr barschen Rezeptionistinnen müssen wir uns erst noch gewöhnen.

Wir bewundern die architektonisch sehr interessanten Gebäude dieser Stadt. An Kreuzungen sind zuweilen Eckhäuser aus vier verschiedenen Epochen zu sehen. Die berühmte Treppe, die zum Passagierhafen führt, hat im Film "Panzerkreuzer Potemkin" des russischen Regisseurs Eisenstein Furore gemacht. Uns fällt sie vor allem als Touristenfalle auf. Nazi-Devotionalien werden angeboten, Verkäufer preisen lautstark und auf deutsch "Postkarten" an, wobei sie einem, sobald man sich ihnen nähert, schwarzen Kaviar unter die Nase halten.

DURSTSTRECKE

Nach Odessa fahren wir lange durch riesige Hafenanlagen und hässliche, heruntergewirtschaftete Industriegebiete. Grosse verkehrs- und vor allem lastwagenreiche Strassen machen das Radfahren zu einem trostlosen Unterfangen. Da es auf dem Festland Richtung Russland keine Aussicht auf angenehmere Strassen gibt und wir zeitlich sehr gut dran sind, entscheiden wir uns kurzerhand, über die Krim zu fahren. Eine richtige Entscheidung, wie sich dann herausstellt.

Kilometerstand: 3459

 

 

 

 

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