Reisebericht 5/  8. Juli 2004 Teil 2

 

Grenzerfahrungen

Mit Hindernissen auf der Strasse kennen wir uns mittlerweile aus: dazu gehören Gänse, Kühe, Schafherden, Esel, riesige Schlaglöcher, aber auch Kinder: In einem Dorf in der Nähe von Sibiu haben sie schnell eine Kette gebildet, als sie uns gesehen haben. Erst, nachdem wir die Kinder fotografiert und Bonbons verteilt hatten, lassen sie uns passieren.

Schwieriger ist es für uns, von Rumänien in die Ukraine zu gelangen. Vom Donaudelta müssen wir rund 200 Kilometer zurück und weiter nordwärts fahren, um nach Galati zu gelangen, wo der einzige internationale Grenzübergang weit und breit ist. Im ganzen Donaudelta kann man nicht in die Ukraine einreisen, trotz ueber 100 Kilometer gemeinsamer Grenze. Ein Transitvisum für die paar Kilometer Moldawien, die es zu durchqueren gilt, sei einfach zu erhalten, versichern uns alle. Das sieht der moldawische Zöllner leider anders, der sich bei unserer Ankunft aus seinem Container bequemt. Mit der Miene des Gesetzesvollstreckers, der diese ja nicht gemacht hat, erklärt er uns, dass hier keine Transitvisen erhältlich sind. Genüsslich sagt er uns, wir seien nur fünf Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, trotzdem müssten wir zum nächsten Grenzübergang fahren, der sich 70 Kilometer nordwärts befinde. Es bleibt uns keine Wahl. Nach einer rasanten Fahrt der Moldawischen Grenze entlang durch eine der wohl ärmsten Regionen Rumäniens, kommen wir am frühen Abend an und sind wenig später tatsächlich im Besitz eines Transitvisums.

Ungeplant sind wir also in Moldawien, wo wir gar nicht hin wollten. Anscheinend sehen wir ziemlich abgekämpft aus, denn wir wecken die mütterlichen Gefühle einer Frau, die eben mit ihren Enkeln vom Einkauf zurück kommt. Larissa quartiert uns unverzüglich bei sich ein. Obwohl die Stadt schon seit Tagen das Gas abgestellt hat und sie daher den Herd nicht benutzen kann, rührt sie mit heissem Wasser für uns eine Suppe an und holt hervor, was sie sonst an Essbarem noch findet. Nach einer ausführlichen Diskussion über Gott und die Welt können wir uns nach diesem anstrengenden Tag endlich schlafen legen. Frühmorgens müssen wir wieder aufstehen, da Larissa angeboten hat, uns die Klinik, in der sie als Oberschwester arbeitet, zu zeigen. Und schliesslich müssen wir am Abend an der ukrainischen Grenze stehen, da dann das Visum schon wieder verfällt.

Die Rumänen haben uns immer wieder eindringlich vor Moldawien gewarnt. Das Gepäck müssten wir an die Fahrräder ketten, damit es nicht wegkommt. Doch alles, was uns in diesem Land passiert, ist, dass ein Lieferwagen auf einer Schotterstrasse neben uns hält und der Fahrer uns einen Laib Brot schenkt. Einfach so, weil er denkt, dass wir ihn brauchen können. Natürlich können wir ihn brauchen; wir haben eigentlich immer Hunger.

So erreichen wir nach Umwegen, aber mit all unseren Sachen und um ein paar Erlebnissen reicher endlich die ukrainische Grenze. Wir fragen uns, welche Schikanen die ukrainischen Zöllner für uns bereit halten.

 

Kilometerstand an der Grenze zur Ukraine:

2853 Kilometer
19145 Höhenmeter
 

zurück