Reisebericht 5/  8. Juli 2004 Teil 1

 
Szenenwechsel in Rumänien

Nach der Grenze ändert sich die Szenerie sofort. Alles scheint archaischer zu sein. In den Dörfern tummeln sich Gänse auf der Strasse, Grossväter beaufsichtigen eine weidende Kuh, Hirten ziehen in ihre langen Mäntel gehüllt mit Schaf- und Ziegenherden über das Land und schicken uns ungläubige Blicke nach. Solche Bilder kennen wir nicht aus eigener Anschauung, sondern aus Erzählungen der Grosseltern sowie Filmen und Büchern, die dem dörflichen Leben früherer Zeiten gewidmet sind. Ratternde Fuhrwerke sind auf dem Land genauso häufig anzutreffen wie 'Dacias', ein Renault-Modell aus den Siebziegerjahren, welches Ceausescu für sein Volk als Einheitsauto ausgesucht hat und produzieren liess.

Gold in den Bergen

In den Minenstädten Brad, Zlatna, und Abrud werden wir mit den Überresten der Sowjetindustrialisierung konfrontiert. Zehntausende von Bauern wurden als gut entlöhnte Proletarier in die Goldminen geschickt. Wohnsilos wurden aus dem Boden gestampft, Bauerndörfer innert kürzester Zeit zu Kleinstädten ausgebaut. Heute türmen sich hier die Schlackenberge. Gigantische, in Rost gehüllte Stahlkonstruktionen, Schornsteine, Pipelines und Förderbänder stehen verlassen da. Die Landschaft erinnert an 'Die Zone' in Tarkowskijs Film 'Stalker'.

Transsylvanien: Die Sachsen

Noch unter dem Eindruck der düsteren Bilder sind wir froh, in der aufblühenden Studentenstadt Sibiu (Herrmannsstadt) anzukommen. Sibiu war eine Hochburg der Deutsch-Rumänen, welche im 12. Jahrhundert nach Transsylvanien geholt wurden. Hauptsächlich sollten sie als Bollwerk gegen die Türken dienen. Sie prägten danach über Jahrhunderte das öffentliche und kulturelle Leben dieser Region. Heute leben nur noch sehr wenige Sachsen in Rumänien, die meisten sind ausgewandert und kommen nur noch hierher, um Urlaub zu machen. Sibiu verfügt über eine intakten, pittoresken mittelalterlichen Stadtkern. Überall wird fleissig renoviert: 2007 wird Sibiu Kulturstadt Europas.

In einer anderen Sachsenstadt, in Brasov (Kronstadt), stossen wir in der Schwarzen Kirche - angeblich der grösste gotische Bau zwischen Wien und Istanbul - auf Stiche vom Spalentor, Portraets von Erasmus von Rotterdam und Luther. Denn auch in Brasov hat ein grosser Reformator gewirkt und das erste humanistische Gymnasium in dieser Region gegründet: Johann Honterus.

Donaudelta

Mit viel Knoblauch im Gepäck geht es durch die Karpaten weiter. Die Stippvisite auf dem angeblichen Schloss des Grafen Dracula ist eher enttäuschend. Schliesslich stehen wir im Donaudelta endlich am Schwarzen Meer. Von Sulina aus führen uns Lucian und Michail, Vater und Sohn, in ihrem Fischerboot durch das Schilflabyrinth dieses grossartigen Naturreservats. Wir bewundern Wildgänse und -enten, Pelikane, Wasserschlangen, Schildkröten, Ibis, Reiher und Storch und staunen über das zum Teil undurchdringliche Gestrüpp, das sich anscheinend quasi über Nacht bildet und indem auch unsere erfahrenen Fischer immer wieder hängen bleiben.

 

 

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