Reisebericht 11 / Oktober 2004

 

 

USBEKISTAN

 

Coca-Cola-Schmuggel

Auf der Landkarte war keine Strasse eingezeichnet. Trotzdem gibt es offensichtlich einen Weg durch die Wüste nach Usbekistan, da wir immer wieder einmal usbekische LKWs angetroffen haben. Die Angaben über den Strassenzustand variierten jedoch beträchtlich. Ebenso die Einschätzungen, ob man mit einem Fahrrad durchkommen kann. Klar war nur, dass es keinen Asphalt gibt. Nach den Erfahrungen auf unserer „Reise nach Aktau“ wollten wir das Glück nicht mehr herausfordern, zumal wir uns an eine Geschichte von einem Fahrradfahrer erinnern, welcher vor zwei Jahren versucht haben soll auf diesem Weg Usbekistan zu erreichen und nach einem Felgenbruch zwei Tage auf einen Laster wartete. Wir steigen also auf die Bahn um.

Im Drittklassewagen überqueren wir die Grenze nach Usbekistan. Die Zugbegleiter sind gewieft, was das fachgerechte Verstauen von viel Gepäck angeht. Im Handumdrehen hängen die Fahrräder über unseren Köpfen auf den Gepäckablagen. Bald wird auch klar, weshalb unsere Fahrräder nicht die sonst übliche Aufregung verursachen: Auch die anderen Passagiere haben viel Gepäck. Usbekische Händlerinnen schleppen ganze Lastwagenladungen an: Cola, Fanta, Vodka, Zigaretten werden nach einem für uns unverständlichen System mit Hilfe der Wagenbegleiter im Wagen verteilt. Die Frauen sind sehr nervös und hektisch. Die ganze Fahrt über wird die Ware umgelagert: Hier wird eine mit Vodka abgefüllte Pet-Flasche herausgezogen in einen Schal gewickelt und wieder verstaut, dort wird eine Stange Zigarette einer anderen Frau übergeben, die damit verschwindet. Überhaupt ist dieser Zug ein fahrender Basar. Zusteigende Händlerinnen bieten von  Zahnbürsten über  Rätselhefte und getrocknete Fische bis zu Kleidern und Telefonapparaten alles an. Kurz vor der Grenze erreicht die Nervosität ihren Höhepunkt; Die ganze Ware verschwindet. Als die Zöllner durchgehen, sieht der Wagen ziemlich leer aus. Danach sind alle relaxt. Die Usbekinnen trinken ihren Tee. Kurz vor der Ankunft im Zielbahnhof taucht die ganze Ware wieder auf.

Warum Cola von Kasachstan nach Usbekistan geschmuggelt wird, erfahren wir später: Coca-Cola wurde nach der Unabhängigkeit auch in Usbekistan produziert. Der Chef von Coca-Cola Asien hat eine Tochter des ehemaligen KP-Chefs und heutigen Präsidenten Usbekistans, Karimov, geheiratet. Als die Ehe auseinanderging, hat der Coca-Cola-Chef kurzerhand das usbekische Werk schliessen lassen. So stammen also alle Coca-Cola-Produkte in Usbekistan aus Kasachstan.

Falls es nicht wahr ist, ist es auf jeden Fall eine schöne Anekdote.

 

Baumwolle und Wasser

Bald sitzen wir wieder auf unseren Rädern und sind sehr froh darüber. Seit langem sehen wir wieder grüne Landschaft und Wasser. Es ist Erntezeit. Auf den Baumwollfeldern, die sich links und rechts von der Strasse hinziehen, arbeiten die Pflückerinnen.

Noch heute ist Baumwolle das wichtigste Exportgut Usbekistans. Unter der Sowjetunion wurden riesige Baumwollmonokulturen angelegt. Die Bewässerung dieser Monokulturen in diesem Land, das zu zwei Dritteln aus Wüsten- und Steppengebieten besteht, führte zu einer dramatischen Wasserknappheit. Als Folge davon führt der Fluss Amu-Darya kaum mehr Wasser. Der Aralsee, der hauptsächlich von diesem Fluss gespiesen wird, schrumpft und hat heute noch ein Drittel seiner ursprünglichen Grösse. Die Folgen für die Gesundheit der Menschen dieser Region und die Umwelt sind dramatisch. Hoffnung auf eine Rettung des Aralsees gibt es laut Experten keine.

Monyaq, ein ehemaliges Fischerdorf am Aralsee, liegt heute gut 30 Kilometer vom Seeufer entfernt. Die Bilder der Fischerboote, die auf dem Trockenen liegen, gelten als Mahnmal für die Zerstörung dieses Sees  und damit der Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Wir verzichten darauf, uns dieses Bild des Jammers anzusehen und fahren gut 100 Kilometer vom Aralsee entfernt vorbei direkt nach Nukus, der Hauptstadt der autonomen Republik Karakalpakstan.

 

Der perfekte Drehort für einen echten Hitchcock...

Dort steigen wir im wohl unheimlichsten Hotel unserer Reise ab. Im zehnstöckigen Sowjetbau des Hotel Taschkent sind noch zwei Etagen in Betrieb. Die Etagefrau döst auf dem Sofa vor unserem Zimmer im halbdunkeln Gang, als wir ankommen. Das Zimmer ist kahl, mit bröckelndem Balkon, die Wände fleckig, im dreckigen Badezimmer tummeln sich die Kakerlaken. Überall stehen Eimer und Pet-Flaschen mit Wasser am Boden herum, da die Stadt des öfteren das Wasser abdreht. Die ganze Szenerie wird von schummerigen Neonröhren beleuchtet. Wir legen unsere Campingmatten auf die Betten und schlafen in unseren Schlafsäcken. So hoffen wir, vom Ungeziefer, das sicher in den Betten haust, verschont zu werden. Am Morgen sind wir froh, dass das Hotel nicht über Nacht über uns zusammengebrochen ist. Nur schnell weg von hier!

 

...und wunderbare Monumente

Umso schöner ist es, im alten Chiva anzukommen. Chiva ist das usbekische „Ballenberg“, ein Freilichtmuseum oder eine „tote Stadt“, wie die Usbeken sagen. Denn in der alten Stadt, die vollständig erhalten ist respektive wiederaufgebaut wurde, leben nur Leute, die auch in den Museen arbeiten. In den Höfen, Medressen (Koranschulen) und Moscheen wird traditionelles Kunsthandwerk gepflegt. Souvenirverkäufer versuchen, ihre Ware zu übersetzten Preisen an die wenigen Touristen zu verhökern. Doch wir geniessen die Ruhe und die Schönheit der Monumente.

Wir gehen durch die Gassen, staunen über die für uns fremdartige Architektur, bewundern die klaren Formen der Gebäude und freuen uns über die wunderbaren Farben der dekorativen, gebrannten Backsteine. Der richtige Ort zum Ausruhen...

In Buchara lassen wir uns von jungen, kundigen Führerinnen mehr über die Geschichte der grossartigen Bauwerke erzählen. Buchara und Samarkand, als Städte der Seidenstrasse, haben eine grosse Blütezeit erlebt und waren nebst den schönen Künsten auch auf dem Gebiet der Wissenschaft, insbesondere Astronomie, weltweit führend. Die wechselnden Herrscher liessen die prächtigen Moscheen, Medressen und Karawansereien (Hotels für die Kaufleute) erbauen. Vor  allem aus der Zeit des grossen Eroberers Amur Timur und seiner Nachfolger (14. /15. Jahrhundert) ist viel erhalten. Wir können uns kaum satt sehen an den eigentlich schlichten Backsteinbauten, die mit ihren strengen Farbenvorgaben – Blautöne, in späteren Jahrhunderten kam noch Grün- und Orangetöne dazu – zeitübergreifend schön sind. Schönheit kann doch objektiv sein.

 

Glückliche und unglückliche Menschen

Zwischen den Städten fahren wir lange Strecken durch die Halbwüste, übernachten im Zelt, verpflegen uns in den Tschaichanas (das Essen wird immer fettiger) und beantworten geduldig die immer gleichen Fragen der neugierigen Polizisten. Manchmal werden wir von ihnen gar zu Karachai oder Kukchai (Schwarz- oder Grüntee) Tee eingeladen.

Trotz der Schönheiten und reichen Vergangenheit dieses Landes ist das Leben für die Leute schwierig. In Navoij, einer nur 45-jährigen Stadt zwischen Buchara und Samarkand, sind wir bei einer Krimtatarenfamilie eingeladen. Es sind Verwandte unserer Familie, die wir auf der Krim kennen gelernt haben. Sie wollen so schnell wie möglich auswandern. Die erwachsenen Töchter sehen keine Zukunft für sich in Usbekistan, zu gering sind die Jobaussichten, zu niedrig die Löhne (Durchschnittslohn in den Städten: 50 Dollar im Monat). Und ein Grossteil der Krimtataren sind schon ausgewandert. Unzufriedenheit, gar Verbitterung ist zu spüren. Früher wäre alles besser gewesen, meint der Vater, Job, Lohn, Auto, Wohnung, alles hat gestimmt; Die medizinische Versorgung hat funktioniert. Heute ist alles aus den Fugen geraten. Die Russen, und damit ein grosser Teil des Know-How, verlassen das Land.

Nach diesem etwas deprimierenden Besuch würden wir gerne wieder einmal zufriedene Gesichter sehen.

Unser Wunsch geht in Erfüllung. Kurz vor Samarkand werden wir in einem Dorf, wo wir nach Wasser fragen, von einer Grossfamilie eingeladen. Acht Brüder und zwei Schwestern leben mit ihren Familien dort. Auch der alte Vater lebt noch. Seine Kinder nennen ihn scherzhaft „Tschingis Khan“. Die Leute leben sehr einfach, sie sind hauptsächlich Selbstversorger und leben von dem, was ihre Kühe, Schafe, Esel und Hühner hergeben. Auf einem kleinen Stück Land bauen sie Wassermelonen (zum Glück sind diese gerade reif, als wir dort sind), Kürbisse, Mais und Weizen an. Sie leben mit sehr wenig Geld, verkaufen vielleicht mal etwas auf dem Markt, strahlen aber eine grosse Zufriedenheit aus. Wir können uns sehr gut bei ihnen ausruhen und geniessen das ausgezeichnete Vollkornfladenbrot, das sie selbst im Tandoori (Holzofen aus Lehm) aus ihrem Weizen herstellen. Vielleicht sind diese einfachen Leute zufriedener, weil sie unabhängiger vom politischen System sind und deshalb auch  nichts vom Staat erwarten? Sie leben immer etwa gleich gut oder schlecht, egal welche Regierung in ihrem Land gerade an der Macht ist.

 

Geldprobleme...

Das mit diesem Land einiges nicht stimmt, merken auch Reisende wie wir. Das fängt beim Geld wechseln an. Mehr als 50 Dollar kann man an den offiziellen Wechselstellen nicht in Sum, die Landeswährung, umtauschen. Normalerweise nehmen ja alle gerne harte Währung; in Usbekistan mussten wir darum feilschen, wie viele Dollar wir gewechselt bekommen. Der freundliche Hoteldirektor eines kleinen B & B’s erklärt uns dann, dass im Moment die Baumwollernte läuft und der Staat deshalb die Sum hortet. Denn es gälte, die Pflückerinnen und Pflücker auszuzahlen. Wegen der dramatischen Sum-Knappheit empfiehlt sogar die Nationalbank, auf dem Schwarzmarkt zu wechseln. Am besten geht das in den teuren Touristenhotels. Da wir unser Rückflugticket bar in der Landeswährung bezahlen müssen,  bleibt uns keine Wahl. Die Wächter des 4-Sternehotels in Samarkand freuen sich, als sie hören, dass wir über 1000 Dollar wechseln wollen. Nachdem der Wechselkurs verhandelt worden ist, führen sie uns in die Hotellobby und spendieren uns einen Drink (keinen Kaffee, im Moment ist wieder mal Stromausfall – das kam in Samarkand täglich vor). Zwanzig Minuten später tauchen drei Herren mit einer Plastiktüte auf. Darin ist das Geld. Da die grösste Note in Sum circa einem Dollar entspricht, sitzen wir bald in einem Hinterzimmer vor einem riesigen Haufen Geld und zählen eine halbe Stunde lang. Als der Deal komplett ist und alle zufrieden sind, streichen sich die Herren mit den Handflächen übers Gesicht und sagen „amen“. Wir setzen uns mit der Plastiktüte schnell in ein Taxi, fahren zur „Aviakassa“ und laden unsere Sum ab.

 

...und Korruption

Auch die Korruption ist spürbar. So verdienen sich z. B. die Wächter, die die Monumente bewachen, ein Zubrot, indem sie sich von den Touristen, die auf einem Minarett den Sonnenuntergang betrachten wollen, bezahlen lassen. Eigentlich wäre aber ihre Aufgabe zu verhindern, dass Touristen die baufälligen Treppen zum Minarett hochsteigen. Auf dem Taschkenter Flughafen wiederum werden wir aufgefordert, beim Check-In den Schalterbeamten zu bestechen. Da wir mit unseren Fahrrädern und dem ganzen Gepäck Übergewicht haben, schlägt uns der Beamte eine Pauschale vor. Statt dass er uns alles genau berechnet und eine Quittung gibt, sollen wir ihm den runden Betrag im Pass rüberschieben.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl verlassen wir dieses Land, das doch so viele Schönheiten birgt. Der Kontrast zwischen den Zeugen einer glorreichen Vergangenheit und der gegenwärtigen Misere ist sehr gross. Wir haben einen Einblick in die schwierige Situation dieses Landes bekommen, wonach verständlich ist, weshalb die Leute immer ein Glitzern in den Augen bekommen, wenn wir sagen, wir kämen aus der Schweiz. Viele wollen einfach nur weg in den goldenen Westen.

 

Natürlich gibt es jetzt noch viele Geschichten zu erzählen, aber wir wollen die LeserInnenschaft nicht überstrapazieren. Wir sind mittlerweile wohlbehalten wieder in Basel angekommen. Gerne träumen wir noch ein wenig gemeinsam mit Euch von kühlenden Bergbächen, unendlichen Geraden, auch vom Salz auf der Stirn, von den Schattenstunden in den Tschaichanas, berührenden Begegnungen und Sonnenuntergängen auf den Minaretten.

 

Spasibo bolschoje – Herzlichen Dank!

Gerne möchten wir denjenigen danken, die uns bei unserer Unternehmung von zu Hause aus so tatkräftig unterstützt haben; und ganz besonders denen, die uns etappenweise begleitet haben, wie Pitschi, Fabian sowie Marcel und Dunja (die uns1000km durch Russland begleiteten und die dringend benötigten Ersatzteile besorgt haben). Vielen Dank ans Cyclex-Team, das uns mit bestem Material und Know-How ständig zur Seite stand und uns diesen Internetauftritt überhaupt ermöglicht hat. Speziellen Dank auch an unsere Eltern, die die Administration in der Schweiz während unserer Abwesenheit übernommen haben. Rachmat (usbek. Danke) an Peter Bernhard, an Niggi und Irene in Guarda, an all die vielen Leuten die uns unterwegs aufgenommen haben (speziell an Zia und Zarema), an Res Blum für seine Tipps per E-Mail, an Christoph Hatz, an Andreas Widmer, an Manuel Battegay, an die WGK15 und natürlig nid z letscht an d’Fährimanne- und Fraue vor Klingentalfähre und an all die, wo immer wieder an uns dänkt und schöni mails gschriebe händ.

Kilometerschlusstand: 7655 km

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
   
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