Reisebericht 9/  25. August 2004

 
Russland

Gastfreundschaft

Nach reibungsloser Einreise in Russland schlagen wir unser Zelt am Asovschen Meer auf. Wir geniessen die Ruhe hier, die wir an der Südküste der Krim vergebens gesucht haben. Weniger ruhig geht es dann an einem Samstagabend zu, als wir von drei Russen zu Schaschlyk (Fleischspiesschen) und Banja (russische Dampfsauna) nach Hause eingeladen werden. Es wird alles, was Alkohol enthält, durcheinander getrunken. Gegen den Alkohol-Exzess müssen wir uns wehren, doch um Mineralwasser müssen wir lange bitten. Die ganze Zeit reden verschiedene Leute auf uns ein, immer mehr Nachbarn tauchen auf und bestaunen uns. Doch zugehört wird uns eigentlich nicht mehr und wir bekommen immer mehr den Eindruck, dass wir für unsere Gastgeber Trophäen sind, die sie in der Nachbarschaft rumzeigen, und wir allen an einem eigentlich langweiligen Samstagabend der Unterhaltung dienen. Wir schaffen es dann, zeitig einen Schlafplatz zu finden und verziehen uns am Sonntag Morgen zeitig. Trotzdem möchten wir diesen Abend nicht missen, war es einmal mehr eine Gelegenheit ins hiesige Leben Einblick zu bekommen.

Begegnung im Nichts

Wir wollen vor Rostov am Don nochmals ans Meer. Doch wir finden die Strasse nicht und landen in einem Dorf, das sich als Sackgasse erweist. Die Traktorfahrer der nahe gelegenen Sovchose (staatlich geführter Landwirtschaftsbetrieb) erklären uns den Weg über die Felder: Den Feldweg runter, dann nach rechts, die dritte nach links, die fünfte nach rechts, dann alles geradeaus. Zweifelnd, ob wir das finden, fahren wir los und zählen Abzweigungen. Nach ca. 10 Kilometern sehen wir eine Staubwolke. Endlich ein Auto, wir können nach dem Weg fragen. Wir machen uns bereit, die Volga zu stoppen. Doch das Auto hält von selbst und der Fahrer fragt uns, noch bevor wir ihn fragen können, nach dem Weg. Es stellt sich heraus, dass er mit seiner Familie von Moskau die ganze Nacht durchgefahren ist und weiter südlich ans Meer möchte. Auch er wurde von den Einheimischen über die Felder geschickt. Wir studieren unsere beiden Karten, die erheblich voneinander abweichen. Zum Schluss schenkt uns der Moskauer seinen Autoatlas und wünscht uns eine gute Reise. Die Asphaltstrasse finden wir dank seiner Angaben dann schnell. Das Meer ist jedoch eine Enttäuschung: Wir können noch soweit rauslaufen, das Wasser reicht uns knapp über die Knie. Jetzt begreifen wir die Russen, die immer lachend die Hand auf Kniehöhe gehalten haben, wenn wir sagten, wir wollten hier ans Meer.

Rostov am Don

Rostov ist eine Businesstadt ohne jeden Tourismus. Für uns sehenswert waren aber die Unterführungen aus der Sowjetzeit, die im Badezimmer-Plaettli-Stil Szenen aus einem idealisierten Sowjetalltag zeigen: Arbeiterinnen auf dem Feld (s. Bild), Kriegszenen, Kinder in der Schule, Feste.

In dieser Stadt erwarten wir auch Marcel und Dunja, welche uns die nächsten 1000 Kilometer nach Astrachan begleiten werden. Wir freuen uns sehr auf diese Zeit. Glücklicherweise bringen sie uns Ersatzteile, die wir so dringend benötigen. Jans Nabe am Hinterrad zeigt Abnutzungserscheinungen.

Am Don

Das nächste Ziel ist Volgograd. Wir wählen eine Route abseits der grossen Hauptstrasse und fahren durch die Flusslandschaft des Don. Die Gegend ist sehr fruchtbar und wir können etwas Abwechslung in unseren Speiseplan bringen: viel Früchte und Gemüse. Wir baden oft und finden Zeltplätze wie im Bilderbuch. Wenn wir auf einem Markt unser Kilo Tomaten einkaufen wollen, kann es geschehen, dass wir reich beschenkt werden und mit mehreren Kilos Tomaten, Auberginen, Äpfeln, Kartoffeln und Peperoni weiterfahren müssen. Wir schleppen auch mehrmals unfreiwillig Wassermelonen, die uns die freundlichen Händlerinnen an der Strasse schenken. Sie begreifen nicht, dass die Melonen für uns ein zuviel an zusätzlichem Gewicht sind.

Auch die Polizei kann sehr freundlich sein. In einem Dorf überholt uns ein Dienstwagen und stoppt rassig vor Marcel, so dass dieser meint, er werde im nächsten Moment verhaftet. Doch der freundliche Polizist will nur wissen, wohin wir wollen und bietet uns dann sein Auto als Eskorte zur Hauptstrasse an. Im Schritt-Tempo fahren er und sein Kollege vor uns her. Nach Tipps, wo die besten Badestellen sind und einem Fotoshooting fahren wir weiter Richtung Volgograd.

Volgograd

Diese Stadt repräsentiert wie keine andere die Schrecklichkeit und Unmenschlichkeit des Krieges und des russischen Kriegstraumas. Der zweite Weltkrieg (auf russisch der "Grosse vaterländische Krieg") ist in vielen Städten und grösseren Ortschaften sichtbar. Im Zentrum brennt jeweils die ewige Flamme in Gedenken an die Opfer des Krieges. In Volgograd gibt es ein unheimliches und monströses Kriegsdenkmal: Eine überdimensionierte Frauenfigur mit Schwert in der Hand, die Mütterchen Russland darstellen soll. Man sieht sie schon von Weitem. Sie steht für den Wendepunkt im Krieg gegen die Deutschen. Die Wehrmacht kam 1942 bis zum damaligen Stalingrad. Es ist der östlichste Punkt, den die Deutschen erreicht haben. Sie wurden von Truppen von den Sowjets vernichtend geschlagen wurden. Auf beiden Seiten kamen je über eine halbe Million Menschen ums Leben. Danach setzten sich die Sowjettruppen in Bewegung Richtung Berlin. Gleich unterhalb der Frauenfigur brennt in einem golden ausgekleideten Rondell die stets von Soldaten bewachte ewige Flamme. An den Wänden sind die Namen gefallener Soldaten zu lesen sowie die Inschrift: "Wir haben gekämpft und nur wenige haben das Ziel erreicht, aber wir haben unsere Pflicht gegenüber Mütterchen Russland erfüllt." Dies alles und die dazu eingespielten Kriegsgeräusche und des Schlachtrufs "Na Berlin" ("nach Berlin") wirken sehr martialisch. Dass das Schlachtenpanorama, ein weiteres Kriegsmuseum direkt an der Wolga, schon geschlossen hat, als wir ankommen, ist uns dann gerade recht. Eindrücklich hingegen ist der  Bericht eines Augenzeugen: Wir treffen einen älteren Mann, der als siebenjähriger Junge den Krieg miterlebt hat. Von seinem Dorf aus, das gegenüber von Volgograd am anderen Volgaufer liegt, hätten sie den Kämpfen zugeschaut. Und gehungert hätten sie, noch Jahre nach dem Krieg. Trotzdem hätten sie den deutschen Kriegsgefangenen, die die Stadt wieder aufbauen mussten, ab und zu zu essen gebracht. Die wären ja noch ärmer dran gewesen, als sie, meint der alte Mann.

Auch im Stadtzentrum brennt die ewige Flamme. Da wir an einem Samstag in Volgograd ankommen, erleben wir die traditionelle Hochzeitsparade. Auf dem Hauptplatz reihen sich blumengeschmückte weisse Volgas aneinander. Drinnen warten die Brautpaare auf den Fototermin vor der ewigen Flamme, wie es die (sowjetische) Tradition will. Als wir fragen, ob wir die wartenden Volgas fotografieren dürfen, steigt gleich das Brautpaar aus und will sich mit uns fotografieren lassen (s. Bild).

Volga - Achtuba

Der Teilabschnitt von Volgograd nach Astrachan fasziniert uns ganz besonders. Auf der einen Seite der Strasse beginnt die endlose kasachische Steppe. Der starke Seitenwind von der Steppe bläst uns dauernd die Hitze ins Gesicht. Wir fühlen uns wie Aprikosen auf dem Dörrapparat. Auf der anderen Seite erstreckt sich die liebliche Flusslandschaft der Volga und ihrer Seitenflüsse (Achtuba). Zum Glück, so können wir uns mehrmals täglich ins Wasser stürzen.

Wir sehen zunehmend asiatische Gesichter. Kalmuecken verkaufen Melonen an der Strasse, kasachische Lastwagenfahrer trinken ihren Tee in den Raststätten. Immer wieder sehen wir muslimische Friedhöfe, die zum Teil weit ausserhalb der Ortschaften errichtet wurden.
Auch Kaukasier arbeiten hier viele. Besonders gut in Erinnerung bleiben uns die jungen tschetschenischen Feldarbeiter, die uns in ihrem Seitenwagen eine neun Kilogramm schwere Wassermelone zu unserem Zeltplatz bringen.

Astrachan

Im Zentrum der Stadt steht der 500 Jahre alte Kreml. Die Kremlbauten wie auch andere Gebäude in der Stadt zeigen orientalische Einflüsse: Fein geschwungene, in der Mitte spitz auslaufende Fensterstürze und fein verzierte Arkaden. Um den Kreml herum findet sich ein gut erhaltener Ring von Bauten Anfang des letzten Jahrhunderts. Hinter der Volgauferpromenade besteht ein ganzes Quartier aus Holzhäusern, die reich verziert sind. Solche Häuser sieht man sonst nur auf dem Land.

Astrachan ist das Tor zu Asien. Wir hatten eine schöne Zeit und sind gespannt auf die neue Welt, die uns erwartet. Wir verabschieden uns von Europa und leider auch von unseren beiden Freunden Marcel und Dunja. Vielen Dank für die Begleitung! Als krönender Abschluss haben wir mit Marcel und Dunja eine Schiffstour ins Volgadelta gemacht, wo wir die exotischen, blühenden Lotusfelder geniessen konnten. Jetzt geht es auf in die Steppe. Vperjod! (vorwärts!)

Kilometerstand: 5548 km

Materialschäden: ein geplatzter Reifen, mehrere Löcher in den Schläuchen wegen abgefahrener Reifen (zum Glück überliessen uns Dunja und Marcel ihre Reifen), eine kaputtes Nabenlager.

 

 

 

 

 

 

 

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