Reisebericht 10 / 20. September 2004

 

Kasachstan

Ab in den wilden Osten

Noch in Astrachan haben wir wieder einmal Glück. Beim Suchen einer Strassenkarte von Kasachstan stossen wir auf drei Radfahrer (Enric und Xavi aus Cataluna sowie Jan aus der Schweiz). Dies, nachdem wir von unmotivierten Buchhändlerinnen dauernd mit "Ja ne znaiu" (Ich weiss nicht) abgespeist wurden und schon fast den Mut verloren haben. Die drei Radler schenken uns den Ausschnitt aus ihrer Karte, den wir brauchen. Schon fünf Minuten später können wir uns revanchieren: Bettina kann die drei dank ihrer Russischkenntnisse aus den Fängen eines übereifrigen Ordnungshüters retten. Niemandsland nach der russischen Grenze. Und plötzlich tauchen aus dem Nichts zwei Jungs auf einem Pferd auf. Wir bestaunen uns lange gegenseitig bis sie uns anbieten, unseren Drahtesel gegen das Pferd zu tauschen. Gerne nehmen wir dieses Angebot für ein paar Meter an - Willkommen im wilden Osten.

Atyrau - Oelstadt in der Steppe

Auf dem Weg nach Atyrau finden wir einmal sogar Zugang zum kaspischen Meer, das sonst immer ein paar Kilometer zu weit von der Strasse entfernt ist. Schwimmen können wir zwar an diesem Ort nicht: der Wasserstand ist noch bescheidener als derjenige am Azovschen Meer. Aber wir freuen uns, uns nach einem heissen Tag richtig waschen zu können und geniessen den Abend in diesem ornithologischen Paradies. Kurz darauf Szenenwechsel: Es ist Sonntag, heiss  und wir kämpfen gegen soviel Gegenwind, dass wir das Gefühl haben, die Alpe d`Huez zu fahren. Plötzlich taucht mitten in der Steppe eine Stadt auf. Wir haben das erste Zwischenziel in Kasachstan - Atyrau - erreicht. Das Stadtzentrum wird zur Zeit nach Weststandards renoviert. Finanzkräftige Oelfirmen investieren und errichten ihre Repräsentationspaläste. Bis auf die Fahrt mit den Marschrutkas (Sammeltaxis) ist alles massiv überteuert. Was in dieser Stadt vor sich geht, lässt sich wohl am besten am eingepackten Stadttheater ablesen: Der ehemals schlichte Sowjetbau wir nun Hals über Kopf in einen Styropor-Gipstempel verwandelt. Das plötzlich verfügbare Geld kommt aus dem Boden und ist dunkel-zähflüssig. Das einzige Bemerkenswerte in dieser Stadt: Wir überschreiten den Fluss Ural und sind damit in Asien angekommen.

Nicht nur die Wüste lebt

Unsere Fahrradherzen verlangen sehr bald wieder nach der unendlichen Weite der Landstrasse. Wir verlassen  Atyrau, fahren in die Steppe zu Kamelen, Skorpionen, Lastwagenfahrer, halbwilden Pferden, Wind und Trockenheit. Und vor allem dorthin, wo die Ruhe genauso gross ist wie der Himmel weit. Bei grosser Hitze trinken wir bis zu einem Liter Wasser die Stunde. Zum Glück gibt es alle 50 bis 100 Kilometer Tschaichanas - Teestuben. Diese Institution ist vergleichbar mit den Berghütten in unseren Alpen: Sie bieten Schutz vor Wind und Wetter. Verpflegung ist genauso erhältlich wie Informationen zum Strassenzustand. Und sie sind die Treffpunkte der Fernfahrer. Wenn uns die Hitze zu sehr zusetzt und der Wind unbarmherzig um die Ohren pfeift, sind sie unsere Zufluchtsstätte. In der heissesten Tageszeit verbringen wir so jeweils zwei bis drei Stunden im Schatten, schreiben, lesen und ruhen uns aus. Gegen Abend schwingen wir uns noch für ein paar Stunden in den Sattel, um bei Sonnenuntergang vom Fahrrad zu kippen, das Zelt aufzustellen und in den Sternenhimmel zu gucken.

Tengiz - Der Kampf ums Oel

Plötzlich tauchen am Horizont meterhohe Flammen auf, die aus hohen Kaminen schlagen. Der Lärm erinnert an Triebwerke startender Flugzeuge. Schon längere Zeit haben Bohrtürme und Pumpen dieses riesige Oelfeld am kaspischen Meer angekündigt: Tengiz. Kasachen, Amerikaner, Engländer und Italiener sind dabei, die riesigen Erdölvorkommen, die es hier geben soll, im Wettlauf zu erschliessen. Von einer kasachischen Oel-Gas-Firma werden wir herzlich aufgenommen und wunderbar bewirtet. Auch wir also, obwohl unsere Transportmittel nicht von der Erdölindustrie abhängig sind, profitieren von dem vielen Geld, das hier vorhanden ist.

Die Reise nach Aktau

Eine Woche, bevor wir in Usbekistan einreisen können (unser Visum ist noch nicht gültig) erreichen wir die Grenze. Wir entschliessen uns, einen Ausflug nach Aktau, ans kaspische Meer zu machen. Dies bedeutet nochmals 400 Kilometer Fahrt durch die Steppe. Anders als erhofft, wird diese Unternehmung zu unserer wohl mühsamsten Zeit auf der Reise. Die unasphaltierte Schotterpiste ist nicht das alleinige Problem. Das kennen wir schon. Doch der starke Wind macht ein Vorwärtskommen auf diesen Staubstrassen fast unmöglich. Bettina bekommt zudem noch Fieber. Wir lassen uns daher gerne von einem Kamazfahrer mitnehmen (Kamaz = russischer LKW. Laut dem Fahrer die einzigen, die für Fahrten über diese schlechten Strasse geeignet seien, denn Mercedes, Volvo, Scania würden alle auseinander fallen). Ob wahr oder nicht, beruhigend ist es jedenfalls nicht, als er uns erzählt, er habe am Morgen schon eine Flasche Vodka geleert. Anders würde er die einsamen Fahrten durch die Steppe gar nicht ertragen, meint er lachend und braust mit 80 Stundenkilometern über die Schlaglöcher hinweg. Ein richtiger ?Held der Steppe?. Stunden später haben wir einen Platten am zweiachsigen Anhänger. Nach einer kurzen Bedenkzeit in einer Tschaichana fahren wir ohne Radwechsel mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Nachts kommen wir - Bettina immer noch fiebrig - in einer trostlosen Provinzstadt an. Eine usbekische Barangestellte hat Mitleid und bringt uns in ihrem Wohnwagen unter. Am nächsten Tag - Bettina ist immer noch krank und der Wind bläst mit unverminderter Stärke, nehmen wir am Abend den Zug nach Aktau. Wieder einmal kommen wir spät nachts an. Da der Bahnhof 18 Kilometer ausserhalb der Stadt liegt, bieten uns die Wagenbegleiterinnen an, dass wir im Zug übernachten können. Sie versorgen uns mit heissem Wasser für Tee sowie Decken und Kissen. Nachdem der Wagen noch einige Male auf den Geleisen hin- und hergeschoben wird, verbringen wir eine ruhige Nacht. Am nächsten Tag erreichen wir nach dieser Odyssee endlich Aktau. Unser Führer hat Recht, wenn er schreibt: "One of the strangest places scattered across the former USSR". Die Stadt wurde vor 40 Jahren an diesem eigentlich lebensfeindlichen Ort erbaut. Die Sowjets wollten das Uranvorkommen ausbeuten. Aus der Steppe kommt nichts. Alle Waren müssen über die schlechten Strassen angeliefert werden und sind überteuert. Das Trinkwasser wird unter enormem Energieaufwand aus Meerwasser aufbereitet. Der Strom dafür stammt aus einem Atomreaktor. Die ganze Stadt ist in nummerierte - Mikrorayons - aufgeteilt. Strassennamen gibt es keine. Die Adresse der Wohnung, die wir für zwei Nächte mieten, lautet: 14-34A-21 (Mikrorayon, Haus, Wohnung). Alles klar? Immerhin haben wir Sicht aufs kaspische Meer und können auch wieder mal selber kochen und uns etwas gesünder ernähren. Doch wir sind froh, diese staubige, wasserlose Stadt am Meer mit ihren heruntergekommenen Plattenbauten bald verlassen zu können. Wir freuen uns jetzt  auf Usbekistan, das Land, aus dem die Früchte und das Gemüse kommen, und alte Städte wie Buchara, Samarkand beherbergt.

 

Kilometerstand (15.9.04): 6627km

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
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